meet&greet@Kalaidos 09.05.2018

Transformation und Innovation. Die Post auf dem Weg in die digitale Zukunft. (Susanne Ruoff, Konzernleiterin Schweizerische Post AG)

Liebe Alumni Mitglieder,

seit 01. September 2012 ist sie die Konzernleiterin der Schweizerischen Post. 1958 geboren, Tochter einer Krankenschwester und eines Steuerexperten. Sie wuchs in Zürich auf und wohnt heute mit ihrer Familie im Walliser Crans-Montana. Hier kann sie abschalten, sagt sie am heutigen Abend. Hier findet sie ihren Ausgleich und kann sich auch mal herausnehmen aus den vielfältigen und anspruchsvollen Themen, die das Unternehmen beschäftigt. Susanne Ruoff startet die 45minütige Präsentation über Transformation und Innovation mit einem historischen Bild der Sihlpost aus dem Jahr 1930.

Das damals modernste Postlogistik-Center Europas ist heute nach mehrjähriger Renovation einer der markantesten Blickpunkte mit städtebaulicher Präsenz. Und es ist das neue Zürcher Google-Hauptquartier mit Platz bis zu 5.000 «Zoogler» (wie sich die Googler in Zürich nennen). Doch nicht allein das Gebäude hat sich verändert, auch die Post selbst mit ihrer Vision, den Kundenbedürfnissen und Marktverhältnissen. In vier Märkten / Kerngeschäften bewegt sich die 1849 gegründete Schweizerische Post:

Kommunikationsmarkt * mit einer Vielfalt an Dienstleistungen sollen die sich ändernden Kundenbedürfnisse befriedigt werden. Susanne Ruoff betont die vielfältigen Touchpoints mit den Kundinnen und Kunden, traditionelle und neue Zugangspunkte, worin die Post als Mehrkanalspezialistin brillieren muss. «Sonst machen es andere!», sagt sie an diesem Abend mehrmals.

Logistikmarkt * hierin sind kompetente und zuverlässige Partner unerlässlich. Vom einfachen Paketversand mit oder ohne Zusatzangebot über Stückguttransporte bis hin zur komplexen Logistiklösung national und international. Sie ist stolz darauf, dass die Post in der Schweiz die einzige Anbieterin mit einem kompletten Leistungsportfolio im E-Commerce ist. «Sonst machen es andere!»

Personenverkehrsmarkt * PostAuto hat zum Ziel, die führende Marktposition im öffentlichen Busverkehr der Schweiz zu halten und auszubauen. «Sonst machen es andere!». Susanne Ruoff strebt an, im Orts- und Agglomerationsverkehr noch präsenter sein (z.B. durch weitere Ortsbusaufträge und Bikesharing PubliBike). Auch Dienstleistungen wie informatikgestützte Systeme für den Ticketverkauf in den Fahrzeugen und die automatische Zählung der Fahrgäste fallen hierunter.

Finanzdienstleistungen * Mobile Kundinnen und Kunden sollen in diesem Kerngeschäft von unterwegs aus ihre Finanzgeschäfte tätigen können. Einfach und vielseitig soll es sein. Über eine halbe Million Apps sind bereits in Nutzung und sollen Kontonutzung, Überweisungen, Guthaben-Aufladen, Kaufaufträge, usw. abdecken. Mit TWINT lancierte die gleichnamige PostFinance-Tochter 2015 die erste integrierte Payment- und Shopping-App der Schweiz. TWINT ermöglicht bargeldloses Einkaufen direkt über das Smartphone und schafft ein neues Einkaufserlebnis. «Sonst machen es andere!»

Mit dem finanziellen Ergebnis von 630 Mio. Franken (Geschäftsbericht 2017) konnte die Post ein gutes Niveau halten, Ertrag und Gewinn gingen aber wie prognostiziert zurück. Warum? Susanne Ruoff nennt einige Beispiele: die Menge der adressierten Briefe nimmt seit Jahren ab (-4,2% = -40 Mio. Franken EBIT), der Preisdruck im Logistikmarkt steigt weiter und bei PostFinance schrumpfen die Zinserträge aufgrund der anhaltenden Tiefzinssituation stetig. Wie kann die Post also wettbewerbsfähig bleiben und sich weiterhin gemäss ihrem Auftrag aus eigener Kraft entwickeln? Die Antwort ist klar: Die Post muss ihr Kerngeschäft gezielt weiterentwickeln, Neugeschäfte aufbauen und weiterhin ein konsequentes Kostenmanagement betreiben. Investitionen werden dort getätigt, worin das Kerngeschäft wachsen kann. Wieder Beispiele von ihr, um den Zuhörerinnen und Zuhörern die Post greifbarer zu machen: zu den bestehenden 3 Paketcentern werden in Kürze 3 weitere dazukommen. Der erste Spatenstich im Tessin erfolgte Ende April 2018. Swiss Post Solutions (verbindet die physische und digitale Welt als führende Anbieterin von Lösungen zur Auslagerung von Geschäftsprozessen und innovativen Dienstleistungen im Dokumentenmanagement) entwickelt sich gut und konnte 2017 mehrere bedeutende Kunden gewinnen. Auch mit Innovationen war die Post im letzten Jahr erfolgreich. Nun sind wir also bei den Innovationen! Bei der Transformation der Post! Jetzt wird es richtig spannend. Der mit rund 150 Gästen gefüllte Saal in der Kalaidos Fachhochschule zückt die Stifte, die Laptops werden aufgeklappt, die Luft knistert.

Die täglichen Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden, die Arbeitswelt mit neuen Automatisierungen und veränderten Arbeitsweisen sowie die Technologien verändern sich – und somit steht auch die Post vor den Herausforderungen der Digitalisierung. Beispiel: digitale Verzollung. Weniger Papier, schnellere Lieferungen, viel Potenzial. Klingt verständlich, aber nicht selbstverständlich in anderen Ländern wie in der Schweiz. Chinesische Onlineshops locken mit tiefen Preisen und inbegriffenen Versandspesen. Das Nachsehen haben die Post und Schweizer Händler. Ändern kann die Post an dieser Situation nur wenig, denn sie ist an ein über Jahrzehnte gewachsenes internationales System gebunden. Wie viel nämlich die Post eines Landes von der Post eines anderen Landes erhält, damit sie deren Briefe und Pakete ausliefert, regelt der Weltpostverein. Dieser existiert seit 1874 und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Sonderorganisation der UNO. Ihren Sitz hat die Organisation, der derzeit 192 Länder angehören, seit je in Bern. Mag der Weltpostverein auch viel zur Entwicklung des internationalen Postverkehrs beigetragen haben: Mit der rasanten Entwicklung des Onlinehandels in den letzten Jahren haben seine umfangreichen Regelwerke nicht Schritt halten können. So ist Susanne Ruoff auf politischen und psychologischen Bühnen, Verhandlungen, Einsprüchen und Meinungsverschiedenheiten unterwegs. Kein Wunder muss sie sich ab und an in Crans-Montana eine Auszeit gönnen... aber ihr Wille ist spürbar – die Post im Wandel zwischen Markt und Regulation gehört eben dazu und sie setzt sich dafür ein, dass es nach vorn geht und die Vergangenheit und «alten» Rollenbilder der Post in Ehren in Erinnerung bleiben. Aber die Transformation ist ein ständiger Begleiter der über 500jährigen Postwesengeschichte, das betont Susanne Ruoff immer wieder. Ihre Vision zur Transformationsstrategie ist klar: «Einfach mit System – Die Post. Physisch und digital mit starkem Kundenfokus.» Ein Beispiel aus dem Gesundheitsmarkt: die Wertschöpfungskette der Zukunft sieht sie z.B. in den Spitälern. Digitale Bestellung der Medikamente, individuelles Zusammenstellen der Post im Verteilzentrum und Auslieferung in die Spitäler in jener Reihenfolge, wie sie an die Patienten verteilt werden müssen. Das kann auch für die Automobil-Garage-Services adaptiert werden. Und wie stärken sie die Touchpoints zu den Kundinnen und Kunden sonst so? Mitgabe-Service von lokalen Bauernprodukte an die lokale Bevölkerung, Alt-Nespressokapseln- und Altkleidersäcke-Mitnahmeservice von Haushalten, Stromableseservice usw. Die Ideen sind da, aus der Bevölkerung, aus dem Markt heraus können alle der rund 60.000 Mitarbeitenden ihren Beitrag leisten und die Bedürfnisse jeden Tag neu aufnehmen und im Unternehmen anbringen. Mitgestalten, involvieren, kommunizieren und erklären. Das sei das Wichtigste, um die Innovation und Transformation auch innerhalb der Schweizerischen Post mit ihren Mitarbeitenden zu tätigen. Susanne Ruoff investiert viel in on the job und externe Ausbildung, Gruppenkurse, «Digital-fit-Programme» für ihre Mitarbeitenden. So kann sie mit klarer Führung und Vorleben auch die unterschiedlichen Kulturaspekte innerhalb der verschiedenen Bereiche händeln.

Eine Frage aus dem Publikum war besonders wertvoll: «Was können Sie uns mitgeben, Ihre learnings bei solch Herausforderungen?» Sie lächelt. «Über Fehler sprechen und dazu stehen. Niemals das Verhalten der Menschen um sich herum unterschätzen, wenn es zu Veränderungen kommt. Und das Ziel, die Vision immer kommunzieren und erklären, damit alle an einem Strang ziehen.» Dialog und Vertrauen schaffen sind für die Post wichtiger denn je. «Sonst machen es andere!» Wir wünschen viel Erfolg und danken für die Offenheit und den sehr spannenden Vortrag!

Beim anschliessenden Apéro nahm sich Susanne Ruoff die Zeit, auf weitere Fragen einzugehen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden mit feinen Häppchen und Getränken verwöhnt. Es gab viele Gespräche an allen Stehtischen, die Stimmung war ausgelassen und alle waren beeindruckt von der Zürcherin, die dieses Jahr ihren runden 60. Geburtstag hoffentlich in Ruhe mit ihrer Familie geniessen kann.

Vielen Dank für den inspirierenden Abend!

Viele Grüsse
Euer Alumni-Vorstand

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